2. November

München, 2. November. 2018- 0.20Uhr
In nicht einmal 24h sitze ich in einem Flieger ans andere Ende der Welt. In nicht einmal 24h sitze ich in einem Hotelzimmer am anderen Ende der Welt. Ich bin besser vorbereitet, habe eine Woche lang wieder und wieder ein- und ausgepackt, ausgebessert, aufgestockt. Und die letzten Tage einen Abschied nach dem anderen hinter mich gebracht, wobei eigentlich der Abschied von meinem Papa, der so gern im Stillen weint, am schlimmsten ist. ich habe ein Zugticket nach Frankfurt, ein Flugticket nach Mexico City, ein Hotel für die erste Nacht, einen Host für die paar darauf Folgenden, einen 10 Kilogram schweren (oder leichten) roten Rucksack, und genug Last Minute Panik um auch noch die letzten Paar Stunden bis fünf Uhr morgens wach zu bleiben. Ich weiß das ich das kann. Hey, ich war immerhin im Iran. Und in fucking Irak. Da schaff ich das bisschen Mexico auch noch. Oder?
Das war mein erster Eintrag in einem jetzt unheimlich zerfledderten, und bekritzelten Notizbuch das mit mir nach Mexico kam. Und auch wenn ich bis zum Schluß ruhig blieb, waren und sind die letzten Stunden vor dem eigentlichen Aufbruch immer das schlimmste; denn egal wie gut man sich vorbereitet, letzten Endes weiß man doch nie was einen erwartet. Mein Dad hatte der Sache auch nicht ungemein weiter geholfen, als er mir über die letzte Woche verteilt wieder und wieder kurze Ausschnitte von irgendwelchen Massakern an der Mexikanischen Grenze zu den USA vorlas, Dinge wie: „Hey, da ist ein Dorf in dem alle Frauen vergewaltigt wurden.“ oder „Hey mehrere Menschen sind in einer Schießerei umgekommen.“ Meine mich liebende Familie, die Dinge sagte wie: „Wie willst du das alleine schaffen?“ oder „Man bekommt das Gefühl als würdest du nur Länder fahren in denen es sehr gefährlich ist.“ Aber was mich am Ende immer am meisten aus der Bahn warf war dieses simple: „Warum?“ Circa fünf Monate vor dem 2. November an dem ich in meinem Zimmer am Boden lag und mich fragte was zum Teufel ich eigentlich hier tat, war ich in den Iran geflogen (der Grund warum ich jetzt erst über Mexico schreibe ist eigentlich nur der, das ich mein Iran Notizbuch irgendwo im Schrank verbaut hatte, und zu faul bin es raus zu kramen (außerdem müsste ich DAVOR wiederum mein Zimmer aufräumen und das will nun wirklich Niemand.) Ich wollte das Land des „Bösen“ kennen lernen, welches sich wiederum als fantastisches Land, voller Bazare, wunderschönen Moscheen und den nettesten, friedlichsten Menschen (mit dem besten Essen) heraus stellte, das man sich nur vorstellen konnte. Ich wollte mehr wissen und lernen, über die Politik, den Nahen Osten, und ja, auch über seine Kriege, und vielleicht eine andere Seite als die, über die wir in unseren Zeitungen lesen. 2017 hatte ich die FOS 13 mit dem Schwerpunkt Gestaltung, allerdings ohne zweite Fremdsprache abgeschlossen, was mich zu einem Kunst Studium, aber letztendlich eigentlich zu gar nichts Qualifizierte, denn, wie ich erst später herausfand, weil ich es davor geflissentlich ignoriert oder vergessen hatte, konnte ich Politikwissenschaften nur studieren wenn ich auf Spanisch über die Probleme von Massentourismus in Barcelona sprechen konnte. Mit anderen Worten: Ich konnte das Fach für das ich mich am meisten interessierte nicht studieren weil ich kein Spanisch sprach. Level B1. Im Iran allerdings traf ich Leonie, die Internationale Beziehungen studierte, zu einer guten Freundin und Reisepartnerin wurde, von der ich lernte das man mit Taxifahrern meistens an sein Ziel und zu seinen Preis kam wenn man sie anfauchte und unheimlich böse ansah. Das ist sehr Hilfreich. Leonie wiederum fragte mich was genau dagegen sprach noch einmal ins Ausland zu gehen und Spanisch zu lernen, sie, und viele andere die ich traf, sagten mir wieder und wieder genau das selbe: „Wenn ich noch einmal 20 wäre, Zeit und Geld hätte, dann würde ich Reisen und eine Sprache im Ausland lernen.“ Und weil Spanien nicht ansatzweise weit genug entfernt war, und ich ein halbes Jahr Zeit hatte, begann ich mich über Latein Amerika zu informieren, fand heraus dass das schönste Spanisch in Kolumbien und Mexico gesprochen wird, und ließ mir dann von meiner Cousine, die ein Jahr lang in Medellin verbracht hatte, verbieten nach Kolumbien zu gehen, weil sie dann zu eifersüchtig wäre. Also Mexico. Die Idee gab mir wieder einen gewissen Grund unter den Füßen. Zu lernen nicht das studieren zu können was mich am meisten interessierte warf mich ziemlich aus der Bahn. Und all die gut gemeinten Ratschläge (mit den schmerzhaften Sticheleien, das alles einfacher gewesen wäre wenn ich damals, als mein Jahrgang in einem Klassenzimmer darauf wartete, aufgerufen zu werden und sich für Französisch oder Spanisch zu entscheiden, nicht einfach, als mein Name genannt wurde, aus dem Zimmer gegangen wäre.), halfen mir nicht weiter, und gaben mir nur noch mehr das Gefühl ungenügend und nutzlos zu sein. Ich hatte die Schule gehasst, nicht die Schule an sich, die im Gegensatz zu der Realschule die ich besuchte eine Wucht war. Funktionierende Toiletten und Lehrer die einen Nicht Demotivierten. Ein Traum. Es war nicht die Schule an sich. Die Lehrer waren fantastisch, das Schulklima ebenfalls, ich war sogar Schulsprecherin. Es war dieses zur Schule gehen, zu fragen ob man auf die Toilette gehen dürfte, Dinge zu lernen die nichts mit dem eigentlichen Leben zu tun hatten und nach 13 Jahren Schule fest zustellen, das man aus seiner Schulzeit nur einen Taschenrechner, solide Englische Grammatik, jede Menge Ordner und bunte Heftumschläge aus Plastik mitnehmen würde. Wahrscheinlich ist es überflüssig zu erwähnen das ich ein grauenhafter Schüler war, der sich eigentlich nur durch ständiges Zuspätkommen und verwirrte Blicke aus der letzten Reihe auszeichnete (wobei alle meine Lehrer immer angenehm überrascht waren wenn ich denn zur Schule kam, und mir mein Direktor bei der Zeugnisübergabe sogar gestand, das er es vermissen würde wenn ihn niemand mehr zehn Minuten nach eigentlichem Schulbeginn auf dem Gang begrüßen würde) Und Power Point Präsentationen mit Strichmännchen. Allerdings mit 15 Punkten. Das Opus Magnum meiner Schulzeit. Eine Power Point Präsentation über die Verkaufsstrategien bei Abercrombie und Fitch. Eine Seite war völlig schwarz außer der Beschriftung „recht viel Dunkelheit“ auf der unteren rechten Seite und „Hotte Dudes mit Sixpack“ einem Strichmännchen mit gekreuzten Linien auf dem Bauch. Drei Jahre Kunstschule. Ich liebte den Nahen Osten, seine Geschichte, seine Menschen, die Politik und Hintergründe, ich liebte es so mitten drin zu sein. Politik ist komplex und kompliziert, hat so viele verschiedene Facetten und Hintergründe, Seiten und Ideen. Leonie gab mir den Aufwind den ich brauchte und nach einem Monat war mir klar das ich Spanisch lernen wollte und Politik studieren, um jeden Preis (5000 Euro um genau zu sein, so viel kosteten mich die sechs Monate, dann noch einmal 100 um mich für Jura und Politikwissenschaften einzuschreiben; was 5100 Euro macht. Ich bin so gut in Mathe.) Allerdings kostete es auch eine fantastische Beziehung, einen Krankenhaus Aufenthalt, nicht zur Beerdigung meiner Oma gehen zu können, und mehrmals von der Männerwelt enttäuscht zu werden. Oder eher fassungslos gemacht. All das ließ mich am zweiten November 2018 um 0.20 Uhr vor meinem riesigen roten Rucksack auf dem Boden liegen und an die Decke starren. 6 Monate. Das kam mir auf einmal so lang vor. Und ich wusste nicht was mich erwartete. Natürlich hatte ich einen Reiseführer bei mir und nach dem Nahen Osten auch genug Selbstbewusstsein um zu wissen das es immer für alles eine Lösung gab und ich schon ganz andere Sachen geschafft hatte. Trotzdem. Mexico. Das Land der Drogendealer, Tacos, Lebensmittelvergiftungen, Korruption und Lucha Libre. Allerdings auch das Land in dem ich zum ersten Mal auf einem Surfbrett stand, Silvester Barfuss im Sand verbrachte, lernte was es heißt von einer Latina gehasst zu werden, auf einem Motorrad fuhr, einen Bösewicht in einer Theateraufführung spielte, in Wasserfällen badete, Yoga mit einem nackten Typen am Strand machte, mir eine 18 Jährige zeigte was Kunst bedeutete, und ich aus einer Wohnung geschmissen wurde. Mexico bedeutet roten Lippenstift, laute Musik und billigen Rotwein am Strand. Aber dazu komme ich noch.